Ghost Motion in Shibuya Neulich fuhr ich verträumt mit meinem Fahrrad entlang der goldenen Herbstbäume, die derzeit unser Straßenbild umwerfend schön und bunt machen, bevor es dann in die graue Winterzeit geht. Als ich entlang der Straße fuhr bemerkte ich einen pechschwarzen Raben, der mit seinem langen, orangerot leuchtenden und spitzen Schnabel nach einer Walnuss griff. Sein Schnabel bekam die groß gewachsene Nuss nicht zu greifen und ich bemerkte an seinem Bewegungsablauf, dass ich ihm für seine Verhältnisse mit meinem riesen Rad schon viel zu nah war. Dennoch fasste er allen Mut zusammen und griff ein zweites Mal zu der riesigen Walnuss. Sein Schnabel griff fest zu und er flog mit der Last der Nuss aus meinem Sichtfeld.

Mir gingen spontan zwei Gedanken durch den Kopf. Ich bewunderte zuerst den Mut mit dem der Rabe sich trotz größter Gefahr, in Form eines mindestens 50-mal so großen Geschöpfes, sein wohlverdientes Futter ergatterte. Dachte aber zugleich auch darüber nach wie viel diese Nuss im Vergleich zu seinem Körpergewicht wiegen würde.

Während ich weiter verträumt auf meinem Rad diesen Gedanken noch nicht ganz zu Ende gedacht hatte hörte ich hinter mir ein hölzernes Krachen. Auf das Krachen folgten drei bis vier delayartige Krachgeräusche der gleichen Art und Weise. Ich begann zu schmunzeln und dachte bei mir schadenfreudig wie dumm der Rabe sei die Nuss wieder fallen zu lassen.

„Wer in dieser Geschichte der Dumme ist bemerkt man sehr schnell wenn man unter Aufwand größter Anstrengung und Schmerzen versucht hat mit den Händen eine Nuss zu öffnen. Ist die Nuss gut gewachsen und in der Struktur erhalten scheint es schier unmöglich die Walnuss händisch zu öffnen.“

Es dauerte einige Momente bis ich wieder anfing zu schmunzeln und ich bei mir dachte was für ein Idiot du doch bist. Der Rabe fand die Nuss nicht zufällig auf der Straße, nein er ließ sie bereits aus luftiger Höhe abstürzen um die für ihn unknackbare Schale mit Hilfe der Erdanziehungskraft zu überwinden.The Flight of Apollo

Es sind die kleinen Geschichten im Leben, bei denen man dieses warme Gefühl der Geborgenheit bekommt. Dieser war ein solcher Moment. Der mutige Rabe erinnerte mich unfreiwillig daran wie groß mir die Aufgaben des Alltages manchmal erscheinen, die im Großen und Ganzen von Oben betrachtet vielleicht gar nicht so groß sind.

Vielleicht sollte man sich, gerade wegen einer solchen Geschichte, in unserer schnellen Welt, in der jeder mit dem Handy vor der Nase blind durch die Straßen geht, während des Einkaufs im Supermarkt telefonierend die Verkäuferin anschnauzend, mal wieder durchatmen, die schönen Momente genießen und den Eigenen Mikrokosmos mal nicht ganz so ernst nehmen.

Es gibt einen Vers der mich durch mein Leben begleitet, der mir Kraft und Gelassenheit gibt und an den ich in der Situation auf wunderbare Weise erinnert wurde. Er lautet wie folgt:

24″Niemand kann gleichzeitig zwei Herren dienen!
Entweder wird er den einen hassen
und den anderen lieben.
Oder er wird dem einen treu sein
und den anderen verachten.
Ihr könnt nicht gleichzeitig Gott
und dem Geld dienen!

25Darum sage ich euch:
Macht euch keine Sorgen
um euer Leben –
was ihr essen oder trinken sollt.
Oder um euren Körper –
was ihr anziehen sollt.
Ist das Leben nicht mehr als Essen und Trinken?
Und ist der Körper nicht mehr als Kleidung?

26Seht euch die Vögel an!
Sie säen nicht,
sie ernten nicht,
sie sammeln keine Vorräte in Scheunen:
Und euer himmlischer Vater ernährt sie doch.
Seid ihr nicht viel mehr wert als sie?

27Wer von euch kann dadurch
dass er sich Sorgen macht,
sein Leben nur um eine Stunde verlängern?

28Und warum macht ihr euch Sorgen
was ihr anzieht?
Seht euch die Wiesenblumen an:
Sie wachsen,
ohne zu arbeiten
und ohne sich Kleider zu machen.

29Ich sage euch:
Nicht einmal Salomo in all seiner Herrlichkeit
war so schön gekleidet wie eine von ihnen.

30Gott macht die Wiesenblumen so schön.
Und dabei gehen sie an einem Tag auf
und werden am nächsten Tag im Backofen verbrannt.
Darum wird er sich noch viel mehr um euch kümmern.
Ihr habt zu wenig Vertrauen!

31Macht euch also keine Sorgen!
Fragt euch nicht:
Was sollen wir essen?
Was sollen wir trinken?
Was sollen wir anziehen?

32Um all diese Dinge
dreht sich das Leben der Heiden.
Euer himmlischer Vater weiß doch,
dass ihr das alles braucht.

33Strebt vor allem anderen
nach seinem Reich
und nach seinem Willen –
dann wird Gott euch auch das alles schenken.

34Macht euch also keine Sorgen um den kommenden Tag –
der wird schon für sich selber sorgen.
Es reicht, dass jeder Tag seine eigenen Schwierigkeiten hat.“

Matthäus 6: 24-34, Übersetzung: Basisbibel

Shibuya Moving

Die hektischste Kreuzung der Erde, setzt man sich hier einen Kopfhörer auf und beobachtet das Treiben der Menschen kann entgegen aller Erwartung eine Ruhe im Inneren heraufsteigen